Endlich ein sinnvolles Utensil für das Handy: SMS-Lyrik

Wo bist Du? Was machst Du? Dauert es noch lange? Gespräche am Handy sowie Kurzmitteilungen fallen häufig phantasielos aus und sind zumeist überflüssig. Mit der „SMS-Lyrik“ wird das in Zukunft anders.

Kurzmitteilungen sind der absolute Renner. Wenn man mal nicht reden kann oder aber nicht reden will, dann schickt man eine SMS (Shortmessage). Einziger Haken: SMS sind nicht selten teurer als Gespräche von Handy zu Handy und beschränken sich auf lediglich 160 Zeichen, es sei denn, man ist bereit, mehrere SMS zu verschicken und somit noch mehr zu zahlen.

160 Zeichen, an dieser Hürde scheitern nicht wenige. Sätze werden durch SMS immer kürzer und beschränken sich auf das absolut Nötigste. Subjekt, Objekt und Prädikat. Das reicht aus im Zeitalter der Mobiltelefone. Oft fehlt sogar eine Komponente. Wer jetzt bereits den Niedergang der abendländischen Kultur und der deutschen Sprache sieht, der ist gewiss ein Schwarzmaler, doch so ganz falsch sind diese Sorgen nicht. PISA hat bewiesen, dass es um die deutsche Bildung nicht besonders gut steht. Deutschland ist also nicht nur wirtschaftlich am Boden, auch bildungspolitisch verkommt das Land immer mehr, da Steuererhöhungen und Arbeitslosenzahlen das Innenleben der Leute beschäftigen. Da bleibt keine Zeit mehr für Oper, Theater oder lange Diskussionen. Was Goethe wohl zur deutschen Fast-Food-Kultur beigetragen hätte, wenn er noch leben würde?
„Willst du immer weiter schweifen?/Sieh, das Gute liegt so nah./Lerne nur das Glück ergreifen,/Denn das Glück ist immer da.“ Weniger als 160 Zeichen. Diese weisen Worte stammen von Johann Wolfgang von Goethe und sind absolut sms-tauglich. Sie stammen aus dem neuen Werk „SMS-Lyrik“, das von Anton G. Leitner herausgegeben wird und es sich zum Ziel gesetzt hat, die SMS-Kommunikation mit ein wenig Sinn zu füllen. 160 Werke von Gottfried Benn, Wilhelm Busch, Joseph von Eichendorff, Erich Fried, Ulla Hahn, Hermann Hesse, Friedrich Hölderlin, Ernst Jandl, Reiner Kunze, Christian Morgenstern, Friedrich Nietzsche, Rainer Maria Rilke und vielen anderen Klassikern der Literaturgeschichte sowie aufstrebenden Newcomern. Viele der ausgesuchten Kurzmitteilungen sind hoch erotisch, manche helfen weiter oder sorgen mit ihrem Sprachwitz für gute Laune.

Die Zeit der Sprachlosigkeit sowie der erzwungenen Kurzkommunikation könnte mit „SMS-Lyrik“ ein baldiges Ende finden. Davon braucht Deutschland zu Zeiten von PISA, Rezession und Depression mehr.

Wir danken dem Deutschen Taschenbuch Verlag für das Bereitstellen eines Rezensionsexemplares.

Ein Artikel von Sachar Kriwoj